Letztes Feedback

Werbung

Gratis bloggen bei
myblog.de

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Während meiner Ausbildung musste ich auch einige Zeit vorne am Empfang arbeiten.
Dort arbeitete eine sehr nette, aber kühle und reservierte Dame, die mich dort betreute.

Besonders auffällig war an dieser Dame, dass sie immer im Wechsel von zwei Wochen dasselbe Outfit trug. Die eine Woche trug sie von Montag bis Freitag eine braune Hose und einen grauen Pullover, die nächste Woche eine schwarze Hose und einen blauen Pulli. Jede Woche. Winter wie Sommer.
Obwohl wir uns in der Stadt befanden, holte sie sich nie Essen. Sie brachte auch nie etwas Besonderes mit, jeden Mittag verbrachte sie an ihrem Schreibtisch und aß ein einfaches Butterbrot ohne Butter und mit günstiger Wurst belegt.

Da ich ja wusste, dass man bei uns im Laden nicht schlecht verdient, machte ich mich mit den anderen über die Frau lustig.

Eines Tages jedoch bat sie mich, bei einem Gang in die Stadt ihre Kontoauszüge für sie mitzubringen. Ich erfüllte ihr diese einfach Bitte selbstverständlich und ging so zu ihrer Bank und zog die Kontoauszüge.
Ich wäre fast umgefallen, als mir ein Kontostand von ungefähr 57.000 EUR entgegen blitzte.
Völlig verwirrt und mit rotem Gesicht kehrte ich zu meiner Arbeitsstelle zurück und setzte mich wieder an meinen Rechner.

In der Pause kam die Dame zu mir und fragte mich, ob ich mir die Kontostände angeschaut hätte.
Ich verneinte dies natürlich. Sie meinte daraufhin, dass ich sie mir ruhig hätte anschauen können.
Danach erklärte sie mir diesen unglaublichen Kontostand.

Sie sagte: "Wissen Sie, Frau X, mein Mann und ich haben große Träume für unsere Rente. Wir wollen eine Kreuzfahrt um die Welt machen, mit richtig schönen Außenkabinen. Außerdem wollen wir uns dann ein Haus kaufen, vielleicht in Spanien und jeden Morgen auf der Terasse frühstücken. Wir sparen alles was wir haben. Wir haben uns seit Jahren nichts mehr geleistet, wir wohnen auf 45 m2 zu zweit. Aber wir wollen das so. Dann können wir es uns in der Rente so richtig gut gehen lassen. Wir haben jeder noch vier Rentenversicherungen und sparen, wo wir nur können."

Ich habe ihr natürlich in allem zugestimmt, was steht es mir zu, dieser Frau gegenüber eine Meinung zu ihrem Leben abzugeben.
Noch heute denke ich oft an sie. Wenn ich meine Kontoauszüge ziehe und mich frage, wo das Geld geblieben ist. Oder wenn ich mal wieder an mein Sparbuch muss...

Sicherlich muss man nicht sein ganzes Geld verballern. Trotzdem ist es nunmal so: Das letzte Hemd, das der Mensch trägt, hat keine Taschen. Wenn wir sterben, verlassen wir die Welt so, wie wir sie betreten haben: nackt und alleine. Wir können auf die andere Seite nichts mitnehmen. Kein Geld, keine Wertgegenstände.

(Es sei denn, Sie sind ein ägyptischer Pharao. Wenn ja, lassen Sie es mich wissen, das würd mich schon mal interessieren.)

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, sich ewig auf eine Zeit zu freuen, die vielleicht nie kommen wird. Sei es die 30, die 40, die Rente oder übermorgen.
Wir wissen nicht, ob wir morgen nochmal aufwachen. Das soll kein Apell für "Leben, als ob's kein Morgen gäbe" sein. Aber vielleicht sollte man sich doch überlegen, ob man nicht lieber heute lebt, als in einer Zukunft von der wir nicht wissen, ob sie überhaupt kommt und wie sie wird.

Ich wünsche meiner Kollegin auf jeden Fall, dass ihre Rente genauso wird, wie sie es sich wünscht und dass sie mindestens 90 wird und gesund bleibt. Und ihr Mann natürlich ebenfalls. Anders wär schon ganz schön doof gelaufen.


10.10.13 22:39

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen